01. März 2021  00:00

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Streetwork und die Menschen auf der Straße

Am Rande der Gesellschaft

Es ist 11 Uhr morgens an einem verregneten Dienstag in Gelsenkirchen. Vor dem Hochstraßenpark treffen sich Jennifer Ruhnau und Vanessa Beckmann. Ihre Arbeit: Streetwork. Montag bis Freitag versorgen sie und ihre Kolleg_Innen wohnungslose, obdachlose und suchtkranke Menschen auf der Straße. Heute ist Buer das Ziel.

Von Alicia Maselli

Am Weißen Haus vor der Hochstraße 80 hĂ€lt ein Kleinwagen mit der markanten Aufschrift: „STREETWORK“. Zwei junge Frauen mit FFP2-Maske steigen aus dem Wagen. Aus ihrem Kofferraum holen sie einen großen Einkaufskorb, randvoll gefĂŒllt mit Hunde- und Katzenfutter. Vanessa setzt einen regenfesten blauen Rucksack auf. Darin sind lebenswichtige Dinge fĂŒr Menschen, die das Schicksal auf die Straße verschlagen hat: Neben TaschentĂŒchern und Mundschutz, (sind das vor allem Safer-Use-Utensilien,) saubere Spritzen und KanĂŒlen, oder auch frische RauchblĂ€ttchen. So wird sichergestellt, dass Menschen, die unter einer AbhĂ€ngigkeit leiden nicht zusĂ€tzlich Infektionen ĂŒber unsauberen Gebrauch ausgesetzt sind.

Die erste Station ist der Hochstraßenpark – ein Hotspot und Treffpunkt. Auf einer Bank stellen die Streetworkerinnen Korb und Rucksack ab um herzlich, wenn auch mit großem Abstand, von den Leuten begrĂŒĂŸt zu werden. Ein freundlicher Mann hat seinen Hund dabei – der große Vierbeiner freut sich auf Anhieb und begrĂŒĂŸt sie direkt. „Hunde sind fĂŒr wohnungslose oder obdachlose Menschen sehr wichtig. Oft sind sie die einzige Familie, die sie haben“, erklĂ€rt Jennifer, wĂ€hrend sie den tiefschwarzen Pelz der Fellnase streichelt.

NĂ€chste Station: FußgĂ€ngerzone

Das nĂ€chstes Ziel ist die Einkaufsstraße. Am Ende der FußgĂ€ngerzone sitzt eine Ă€ltere Frau – nennen wir sie Maria. Ihre Beine sind zugedeckt, links neben ihr steht ein kleiner Pappbecher mit Geld. Vanessa geht zu ihr in die Knie: „Welche KanĂŒlen brauchst du?“ Sie versorgt Maria mit sterilen Utensilien fĂŒr den Heroinkonsum. Die Blicke der Passanten sind erdrĂŒckend – sie legen sich wie ein Schleier auf die Menschen. Die Streetworkerinnen haben einen anderen Blick: „Es ist eine Erkrankung die chronisch verlĂ€uft und hĂ€ufig sogar tödlich endet.“ Jennifer stockt kurz und ihre Stimme wird ruhiger: „Sie alle haben eine Geschichte. Es stecken da Persönlichkeiten hinter. Menschen, die alle etwas Liebenswertes an sich haben. Menschen, die nicht ohne Grund da sind, wo sie sind.“ Vanessa nickt: „Jeder der auf der Straße ist, ist definitiv in Not. Es ist immer ein Leidensdruck da.“

Zwischen BĂŒrokratie und Angst vor Ablehnung

Streetwork ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem Caritasverband Gelsenkirchen und dem Arzt Mobil. Es hilft Menschen in Not unbĂŒrokratisch. Jennifer verrĂ€t: „Es geht darum, den Kontakt aufzubauen, zu pflegen und ein VertrauensverhĂ€ltnis zu schaffen. Wir können den Leuten dann Hilfe anbieten, sofern sie diese wollen. Das bedeutet, wir drĂ€ngen den Menschen nichts auf.“

WĂ€hrend sie sich auf den Weg zurĂŒck machen, beschreibt Vanessa, warum die Menschen oft keine Hilfe annehmen können: „FĂŒr manche ist die bĂŒrokratische HĂŒrde schwierig. Wir begleiten die Leute dann. Manchmal bedeutet die Begleitung einfach Schutz von jemandem zu bekommen. Das ist sehr wichtig, denn viele Betroffene haben nie Schutz erfahren und wurden verstoßen. So wissen sie: Da ist jemand, falls ich wieder Ablehnung erlebe.“

Inzwischen ist es 12:40 Uhr, bald ist Feierabend. Doch auch wenn die Tour quer durch Buer ihr Ende findet, nehmen die Frauen die Arbeit mit Nachhause. „Die Menschen, fĂŒr die wir im Einsatz sind, werden hĂ€ufig vergessen und stehen am Rande der Gesellschaft.“, erklĂ€rt Vanessa, „Das, finde ich, ist das schönste: Wenn die Gesellschaft gerade diese Leute wieder wahrnimmt und nicht mehr ĂŒbersieht.“



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Im Seminar "Ressort Lokales" an der WestfÀlischen Hochschule Gelsenkirchen haben Studierende in Kooperation mit der WAZ Gelsenkirchen Artikel zu verschiedenen, selbstgewÀhlten Themen geschrieben. Diese werden hier und auch in der WAZ Gelsenkirchen veröffentlicht.

Vanessa Beckmann (links) und Jennifer Ruhnau machen sich bereit fĂŒr ihre Tour durch Buer.

Herzensangelegenheit: Menschen zu helfen ist ihre Leidenschaft.

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