10. Februar 2021  00:00

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Einsame Eisbären

Eisbärin Lara trottet an die Scheibe und sucht vergeblich nach Publikum – enttäuscht dreht sie wieder ab. Die Zoom Erlebniswelt in Gelsenkirchen ist im Jahr 2020 an insgesamt 113 Tagen geschlossen gewesen. Das ist für alle Zoo-Fans traurig genug, aber auch die Tiere vermissen ihre Besucher.

Von Jan Lukas BrĂĽckner

Florian Beutel kommt lächelnd auf seinem Fahrrad zur Eisbärenanlage geradelt. Er ist Tierpfleger im Revier Arktis. „Lara guck mal, ich habe dir was mitgebracht!“, ruft er der Eisbärendame fröhlich entgegen. Neugierig reckt Lara ihren Hals. Der Tierpfleger wirft einen gefrorenen Snack über das Sichtfenster in das Gehege.

„Es fällt schon auf, dass die Tiere ihre Besucher vermissen.“, sagt Florian Beutel. „Sie kommen an den Scheiben gucken, ob da nicht doch jemand ist. Dann bekomme ich das Gefühl, dass sie enttäuscht sind. Viele unserer Tiere sind im Zoo geboren und kennen es nicht ohne Zuschauer. Wir haben Stammbesucher, die ihre Hunde mitbringen und gerade bei denen ist die Interaktion sonst hoch.“

Die Tiere im Zoo brauchen also Beschäftigung. Neben dem alltäglichen Training übernehmen die Pfleger jetzt auch ein bisschen die Rolle der Besucher. „Viele Kollegen, wir natürlich auch, machen die Mittagspause inzwischen vor den Gehegen, um die Tiere mehr zu beschäftigen. Dazu kommt, dass wir das Tiertraining intensiver gestalten.“, erzählt Florian Beutel und lächelt: „Beschäftigungsarbeit ist sehr, sehr schöne Arbeit.“

„Der Alltag in der Tiermedizin hat sich eigentlich nicht geändert. Die Tiere werden krank, die Tiere werden gesund – ganz abseits von Corona.“, erklärt die Tierärztin des Zoos Judith Wabnitz. Sie steht neben dem Tierarztwagen, abseits der Besucherwege vor der Zoopraxis. „Aber die Abläufe im Zoo sind jetzt etwas anders. Durch die Hygienemaßnahmen und Abstandhalten dauert alles etwas länger als vorher. Es ist aufwendiger geworden, an neues Desinfektionsmaterial oder Handschuhe zu kommen.“

Auch im Umgang mit den Tieren gibt es Hygienevorschriften, denn einige Arten könnten sich mit dem Coronavirus infizieren. „Es besteht aber nicht gleich der Umkehrschluss, dass wir uns dann wiederum bei den Tieren anstecken. Gerade zu Anfang der Pandemie haben viele Haustierbesitzer aus Angst ihre Katzen ins Tierheim gegeben. Wir Menschen können uns zwar untereinander anstecken, es ist aber nicht bewiesen, dass kranke Zoo- oder Haustiere Menschen anstecken können.“, erklärt die Tiermedizinerin. Judith Wabnitz ist es sehr wichtig, dass das niemand falsch versteht – auch Tiere müssen vor Corona geschützt werden: „Zu dem Thema wird aktuell intensiv geforscht. Wir achten darauf, dass im Umgang mit den Tieren Handschuhe und Masken getragen werden. Davon abgesehen handelt es sich nicht um Kuscheltiere. Es wird sowieso Sicherheitsabstand gehalten.“

Das Coronavirus bringt Einschränkungen, die auch die Zoom Erlebniswelt treffen. „Die Kosten für Futter, für Personal und für Instandsetzungen sind in der Pandemie gleichgeblieben. Ohne Besucher fehlen uns die Einnahmen.“, sagt Pressesprecherin Nataly Naeschke. „Im Jahr 2020 mussten wir an 113 Tagen auf Besucher verzichten. Etwas Gutes gibt es zum Schluss aber doch noch. Ganz viele Zoofans haben gefragt, ob sie uns helfen können. Und ja, das kann man zum Beispiel über Tierpatenschaften. Es wurden im Jahr 2020 doppelt so viele Tierpatenschaften abgeschlossen, wie in 2019.“

Wann die Eisbären wieder Besucher bestaunen dürfen, wird das Jahr 2021 zeigen.



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Im Seminar "Ressort Lokales" an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen haben Studierende in Kooperation mit der WAZ Gelsenkirchen Artikel zu verschiedenen, selbstgewählten Themen geschrieben. Diese werden hier und auch in der WAZ Gelsenkirchen veröffentlicht.

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Vor geschlossenen Toren

Kleinwüchsige Eisbärin Antonia

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