01. Dezember 2019  00:00

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Finanzierung des Studiums

Ein Studium ist fĂŒr BerufstĂ€tige eine große Belastung

Viel Lernstoff in sechs Semestern und gleichzeitig noch mehr als 20 Stunden pro Woche arbeiten, das ist fĂŒr einige Studierende Alltag. Doch wie kann dieses Modell funktionieren?

Von Christopher Antes

„Es ist quasi wie ein großer Berg, der von mir nach und nach irgendwie abgearbeitet wird“, verrĂ€t Rosa Scheipers, 32 Jahre alt, berufstĂ€tig, Mutter eines fĂŒnf Jahre alten Sohnes und zudem Studentin im Studienfach Journalismus und PR an der WestfĂ€lischen Hochschule in Gelsenkirchen. Ihre Situation lastet die junge Frau zeitlich komplett aus: „Ich habe streng genommen eine 60 Stunden Woche. Bei mir geht die meiste Zeit dafĂŒr drauf, dass ich arbeite oder in der Uni bin.“ Bei der Erziehung ihres Sohnes wird sie daher von ihrem Mann und ihrer Mutter unterstĂŒtzt: „Mein Sohn ist im Sportverein. Sonst war ich zwei Mal die Woche mit ihm da und habe brav zugeguckt, aber in den letzten Monaten hat das meine Mutter gemacht, weil ich das einfach zeitlich nicht mehr hinbekommen habe.“

Seit der Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem sind Studierende ausgelasteter als zuvor: Was man im Diplom noch in acht oder mehr Semestern erlernen durfte, soll nun bestenfalls in einer Regelstudienzeit von sechs Semestern abgearbeitet werden. Mehr Lernstoff in kĂŒrzerer Zeit – so ergeht es vielen Studierenden an der WHS in Gelsenkirchen- Buer: Je nach Studienrichtung sind hier pro Fachsemester durchschnittlich sechs Kurse zu absolvieren. Die reine Anwesenheit in den Kursen reicht zum Bestehen nicht aus: FĂŒr nahezu jedes Modul sind PrĂŒfungsleistungen in Form von Semesterarbeiten, Klausuren sowie schriftlichen oder kĂŒnstlerischen Abgaben ĂŒber das Halbjahr zu erledigen. Studierende fĂŒhlen sich nicht nur durch den kompakt vermittelten Lernstoff sondern auch durch Fristen fĂŒr Hausarbeiten gestresst.

„Im Beruf und im Studium bin ich auch manchmal so tot vom Tag, dass ich Dinge einfach nicht mehr schaffe und auch nicht mehr mache“, gesteht Rosa. Sie hat lernen mĂŒssen, sich selber PrioritĂ€ten zu setzen und ihre Aufgaben schrittweise nach ihren Möglichkeiten abzuarbeiten. „Ich habe einen Plan, an den halte ich mich grundsĂ€tzlich, meistens, wenn es halt geht.“ In ihrem Job kann sie sich die Aufgaben zu einem gewissen Grad selber einteilen. Einige TĂ€tigkeiten lassen sich zudem bequem von zuhause aus erledigen, was die Situation in ihrer Familie etwas entspannt. Sie möchte jedoch auch weiterhin neben dem Studium arbeiten gehen, um von ihrem Mann finanziell unabhĂ€ngig zu bleiben.

Laut Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, durchgefĂŒhrt vom Deutschen Zentrum fĂŒr Hochschul- und Wissenschaftsforschung im Jahre 2016, ist die wirtschaftliche Lage von Studierenden problematisch: In der Vorlesungszeit des Sommersemesters 2016 haben 68 Prozent aller Studierenden einen Nebenjob, um sich ihren Lebensunterhalt und das Studium zu verdienen. Das sind mehr als zwei Drittel aller Studierenden in Deutschland. Insbesondere Studierende an UniversitĂ€ten sind hiervon betroffen: „Die ErwerbstĂ€tigenquote an UniversitĂ€ten ist 2016 mit 69 Prozent so hoch wie noch nie“ (21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks). Zudem sind einige Studierende auch nicht berechtigt, Bafög zur Finanzierung des Studiums zu beziehen. Somit bleibt manchen Betroffenen nur der Weg, sich das Studium durch Jobs selbst zu finanzieren.

Auch Rosa ermöglicht sich ihr Studium selber. „Wenn ich nicht in der Uni bin, dann bin ich arbeiten und danach hole ich mein Kind ab.“ Zeit fĂŒr sich hat die junge Mutter daher nur selten. Doch mit ihrer Situation hat sie sich arrangiert: „Du verzichtest auf ganz viele Dinge, vor allem auf deine eigene Freizeit“, berichtet sie aus eigener Erfahrung. Unter ihrer Mehrfachbelastung leidet insbesondere ihr Studium: „Drei bis vier Semester wird mein Studium lĂ€nger dauern, aber das ist mir relativ egal. Das, was ich Tag ein Tag aus leiste, das ist schon hart.“ Studierende in einer Mehrfachbelastung haben aufgrund ihres besonderen Engagements somit auch eine besondere WertschĂ€tzung verdient. Auch wenn Rosa ihre Situation nicht weiterempfehlen kann, so ist sie der beste Beweis dafĂŒr, dass mit gewissen EinschrĂ€nkungen Studium, BerufstĂ€tigkeit und zusĂ€tzlich Familie miteinander vereinbar sind.



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Quelle:

http://www.sozialerhebung.de/archiv

Studieren parallel zum Beruf bedeutet eine große Mehrbelastung fĂŒr Betroffene. In der Regel leidet hierbei eher das Studium. "Foto: Lennart Meyer / Christopher Antes"

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