10. Februar 2017  00:00

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Straßenverkehr

Mit 75 zum FĂŒhrerscheintest

Senioren am Steuer sind nicht jedem geheuer. Versicherer fordern einen verbindlichen Fahrtauglichkeitstest fĂŒr Menschen ab 75 Jahren. Doch diesen Vorschlag sehen Betroffene kritisch.

Von Carole Tolksdorf

Im Januar forderten mehrere Versicherer einen verbindlichen Fahrtauglichkeitstest fĂŒr Senioren ab 75 Jahren. Das teilte der Leiter der Unfallforschung beim Versicherungsverband GDV, Siegfried Brockmann, den Zeitungen der Funke-Mediengruppe mit.

ZunĂ€chst sollen die Tests auf freiwilliger Basis angeboten werden. FĂŒr die Zukunft aber „wird eine solche Kontrollfahrt zur Pflicht werden mĂŒssen“, fĂŒgte Brockmann hinzu. Ältere Fahrer könnten ihre FahrkĂŒnste zu positiv einschĂ€tzen und die Teilnahme an solchen Tests schlichtweg verweigern. Bei Kontrollfahrten an der Seite eines Fahrlehrers sollen die Senioren eine neutrale RĂŒckmeldung bekommen. Nach den Vorstellungen des GDV soll das Ergebnis des Tests vertraulich und nur eine Empfehlung sein. Angst, dass einem sofort der FĂŒhrerschein abgenommen wird, solle laut Brockmann jedoch niemand haben.

:: Versicherer stĂŒtzen sich auf Statistiken ::

Laut dem Statistischen Bundesamt waren 2015 Ă€ltere Autofahrer seltener fĂŒr einen Unfall mit PersonenschĂ€den verantwortlich, als FahranfĂ€nger in der Altersklasse von 18 bis 21 Jahren. Insgesamt 20.303 Fahrer ĂŒber 75 Jahre trugen im Jahr 2015 die Hauptschuld bei UnfĂ€llen. Bei der eigentlichen Risikogruppe, den FahranfĂ€ngern, waren es hingegen 5000 mehr.

Aber wieso dann Fahrtauglichkeitstests? Anlass zur Sorge gibt den Versicherern, dass Senioren ĂŒber 75 Jahre zu 75 Prozent UnfĂ€lle selbst verursacht haben. FahranfĂ€nger trugen nur zu 70 Prozent die Hauptschuld bei VerkehrsunfĂ€llen. Dazu kommt der steigende Anteil der ĂŒber 80-JĂ€hrigen, der sich in den nĂ€chsten 30 Jahren verdoppeln soll, so Unfallforscher Brockmann.

:: Senioren fĂŒhlen sich diskriminiert ::

Hildegard Rau* aus Gelsenkirchen wĂ€re mit ihren 75 Jahren von dem geplanten Fahrtauglichkeitstest direkt betroffen. Sie fĂ€hrt noch gerne mit dem Auto, fĂŒhlt sich körperlich fit und selbstbewusst genug fĂŒr den Straßenverkehr. Den Vorschlag des GDV kann sie nicht nachvollziehen: „Es gibt genauso viele junge Leute, die solche Tests machen mĂŒssten. Jede Altersstufe bringt Probleme mit sich. Jetzt schießt man sich wieder auf die Senioren ein.“ FĂŒr Rau ist es wichtig den Ă€lteren Menschen nichts zu diktieren. Nach ihrer Meinung sollten Senioren selbst erkennen, wann sie das Auto besser stehen lassen sollten.

Auch Peter Lampe (70) aus Castrop-Rauxel findet die Fahrtests ungerechtfertigt: „Das finde ich schon diskriminierend. Die Idee des Tests ist in Ordnung aber wenn, dann fĂŒr alle“, meint Lampe. Seine Frau Gertrud (65) ist derselben Meinung. Sie findet es ungerecht, dass man sich nur auf eine Altersklasse fokussiert: „AugenschĂ€den zum Beispiel können schließlich alle Altersgruppen bekommen und Medikamente mĂŒssen auch viele nehmen.“

:: Es gibt auch Alternativen ::

Der Deutsche Kraftfahrzeug-Überwachungs-Verein „Dekra" lehnt den Vorschlag der Versicherer ab. „Prinzipiell kann man die Frage, ob Senioren ab einem bestimmten Alter ein Risiko darstellen, nicht verallgemeinern“, sagt Karin MĂŒller, Fachbereichsleiterin Mensch und Gesundheit bei Dekra. Es hinge ganz individuell von dem persönlichen Geisteszustand und der LeistungsfĂ€higkeit ab. „Das kalendarische Alter ist kein Indikator“, fĂŒgt sie hinzu.

MĂŒller findet es außerdem wichtig, möglichst viel zu fahren, um die Übung zu erhalten. Sollte der ein oder andere aber an der persönlichen Fahrtauglichkeit zweifeln, bietet Dekra einen sogenannten MobilitĂ€ts-Check an. Dabei werden zusammen mit einem Arzt körperliche und geistige Leistungen getestet.

Betroffene können sich auch an die Polizei wenden. Dort werden spezielle Trainings fĂŒr Senioren angeboten, wie Olaf Brauweiler, Leiter der Pressestelle der Polizei Gelsenkirchen, verrĂ€t. Den FahrtĂŒchtigkeitstest ab 75 Jahren sieht er kritisch: „Das Festlegen einer Altersgrenze ist schwierig." Dennoch unterstĂŒtzt er die Möglichkeit, sich auf seine FahrtĂŒchtigkeit untersuchen zu lassen, wenn auch nur auf freiwilliger Basis. Die EinfĂŒhrung einer verpflichtenden Teilnahme ist fĂŒr ihn „Angelegenheit der politischen EntscheidungstrĂ€ger."

*Name vom Autor geÀndert



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Um die Fahrtauglichkeit zu testen, können sich Interessierte an Dekra wenden und dort MobilitÀts-Checks machen. Mehr Information dazu gibt es hier.

Der TÜV Rheinland bot vor einiger Zeit Ă€hnliche Tests an. Wegen zu geringem Interesse wurde das Angebot jedoch wieder zurĂŒckgezogen.

Auf der Webseite des TÜV SĂŒd findet sich jedoch ein Spiel, um seine ReaktionsfĂ€higkeit zu testen.