05. Februar 2017  00:00

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Pflegedienst

Wo sind PflegekrÀfte im Ruhrgebiet?

Die APD Ambulante Pflegedienste Gelsenkirchen mit rund 300 Mitarbeitern ist im gesamten Ruhrgebiet einer der zehn grĂ¶ĂŸten privaten Pflegeanbieter. Ambulante und teilstationĂ€re Pflege zĂ€hlen unter anderen dazu. Jedoch ist der FachkrĂ€ftemangel schon seit einigen Jahren ein großes Problem in der Pflegebranche.

Von Irena Klein

Immer weniger junge Menschen in der Region entschließen sich fĂŒr den Beruf der Pflegefachkraft. Warum kam es aber zu dieser Entwicklung und wie kann gegengesteuert werden? Dieser Frage gehen Bund und LĂ€nder schon seit einigen Jahren nach. Ohne durchschlagenden Erfolg. Nichtsdestotrotz brauchen die privaten Pflegedienste immer mehr Personal. Und wenn der deutsche Arbeitsmarkt nicht genĂŒgend FachkrĂ€fte zur VerfĂŒgung stellen kann, muss sich die Branche eben aus dem Ausland bedienen. So macht es auch die APD: „Weil der Arbeitsmarkt in Deutschland leergefegt ist und unsere eigenen Ausbildungsanstrengungen nicht ausreichen, suchen wir ab sofort examinierte PflegekrĂ€fte in Serbien“, erklĂ€rt APD-Pflegedienstleiter Björn Schulte das Vorgehen des Unternehmens.

:: Mitarbeiter unter anderem aus der TĂŒrkei & Kroatien ::

Bemerkenswert ist, dass auf die ausgeschriebenen Stellen ein ganzes Jahr lang keine einzige Bewerbung bei der APD einging. Die Arbeitsagentur war nicht in der Lage zu helfen weil kein Personal vorhanden ist. Dann wurde getan, was getan werden musste: Im FrĂŒhsommer 2016 begrĂŒĂŸte die APD 22 PflegefachkrĂ€fte aus dem kleinen Balkanstaat Serbien, die ihre Arbeit in der privaten Pflege aufnehmen konnten. In Deutschland befanden die Neuankömmlinge aber schon seit November 2015, sie mussten jedoch ein halbes Jahr lang den Berufsabschluss hier anerkennen lassen, ZusatzprĂŒfungen absolvieren und die deutsche Sprache erlernen. Erst dann konnte die eigentliche Arbeit aufgenommen werden. Aber die Serben sind nicht die einzigen AuslĂ€nder bei der APD. Der Pflegedienst beschĂ€ftigt außerdem auch Mitarbeiter aus der TĂŒrkei, Kroatien, Polen, Marokko und China. Insgesamt sind in der APD-Belegschaft sogar Menschen aus insgesamt zwölf verschiedenen Nationen vertreten. NatĂŒrlich sind auch Deutsche bei der APD beschĂ€ftigt.

:: Eine wachsende Vielfalt ::

Die Mischung aus In- und AuslĂ€ndern habe aber auch einen anderen entscheidenden Vorteil im Unternehmen: „Die APD ist jetzt schon lĂ€nger Partner der Initiative „Kultursensible Pflege in Gelsenkirchen“, dies deckt sich mit unserer Philosophie aus Mitarbeitern aus dem In- und Ausland“, stellt Pflegedienstleiter Schulte fest und fĂŒhrt weiter aus: „Die Generation der Ă€lteren Menschen im Ruhrgebiet kommt aus ganz verschiedenen LĂ€ndern und Kulturen. Wir erleben als privater ambulanter Pflegedienst eine wachsende Vielfalt bei unserer Kundschaft. Aus diesem Grund ist es dringend notwendig, uns interkulturell stĂ€rker aufzustellen. Dabei spielt Pflegepersonal mit einer eigenen Zuwanderungsgeschichte hier eine besonders wichtige Rolle“, so der Pflegedienstleiter.  Denn die meisten BeschĂ€ftigten sind der jeweiligen Sprache der Ă€lteren Zugewanderten mĂ€chtig und kennen deren Alltagswelt.

:: Gleicher Lohn fĂŒr gleiche Arbeit ::

Zudem werden die internationalen Mitarbeiter von den Familien der zugewanderten PflegebedĂŒrftigen gewĂŒnscht und akzeptiert. Eine Win-Win-Situation also. Kritiker sind der Meinung, die APD beschĂ€ftige die AuslĂ€nder, um billige ArbeitskrĂ€fte zu haben und so Geld zu sparen. Diese These widerlegt Schulte: „In der modernen und guten Pflege der heutigen Zeit kommt es auf die fachliche Eignung der Mitarbeiter an. Jedoch keinesfalls darauf, billige ArbeitskrĂ€fte einzusetzen. Um eine gute PflegequalitĂ€t zu gewĂ€hrleisten, bedarf es einer fundierten Ausbildung. Wir haben festgestellt, dass es in LĂ€ndern wie Kroatien und Serbien sehr viele junge Menschen gibt, die im Medizin- und Pflegebereich sehr gut ausgebildet sind, aber in ihrer Heimat keine Arbeit haben.“ Bedeutet auch, dass sich die Höhe der Löhne nicht unterscheidet: Gleicher Lohn fĂŒr gleiche Arbeit ist die Devise. Alle werden gleich behandelt. Egal, ob deutsch oder nicht deutsch. Die VergĂŒtung bei der APD richtet sich nach Empfehlungen des ParitĂ€tischen Wohlfahrtsverbandes. Somit sind alle Mitarbeiter zufrieden und verrichten ihre Arbeit gerne? Nicht wirklich.

:: Pflegebranche: Arbeit ist fĂŒr alle da ::

Eine deutsche APD-Arbeitskraft, die namentlich nicht genannt werden möchte, sieht das anders: „Wegen der Sprachbarriere muss ich nahezu die doppelte Arbeit fĂŒr gleiches Geld machen, teilweise verstehen die auslĂ€ndischen Kollegen die Patienten nicht richtig, weil nicht genĂŒgend Sprachkenntnisse vorhanden sind“, so die APD-Fachkraft. Hier sei es besonders anstrengend, wenn eine Ă€ltere pflegebedĂŒrftige Dame, die alters- und situationsbedingt etwas ungeduldig und verstĂ€ndnislos ist, der auslĂ€ndischen Pflegefachkraft etwas mitteilen möchte.  Dann mĂŒssen die deutschen Kolleginnen und Kollegen vermitteln, ĂŒbersetzen und erklĂ€ren, was mit zusĂ€tzlichem Aufwand verbunden ist. Zudem werden die ArbeitsablĂ€ufe dadurch verlangsamt, was auch nicht im Interesse der Mitarbeiter sein kann. „Es gab auch schon Situationen, in denen die Patienten auslĂ€ndische Pfleger strikt abgelehnt haben, auch weil sie z. B. mit Kopftuch gearbeitet haben“, erzĂ€hlt die Pflegefachkraft weiter. Reibungslose Arbeit kann so nicht funktionieren. Das wirkt sich natĂŒrlich negativ auf das Arbeitsklima aus.

Aber auch das interne Verhalten der auslĂ€ndischen ArbeitskrĂ€fte ist nicht korrekt, denn es bilden sich GrĂŒppchen, die sich dann in ihrer eigenen Landessprache untereinander unterhalten und die deutschen Kollegen dabei nichts verstehen. Das Personal aus den LĂ€ndern aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus der TĂŒrkei stechen hier wohl besonders heraus. Die Bitte der Kollegen, alle möchten sich bitte auf deutsch unterhalten, damit jeder jeden versteht, wurde ignoriert: Dies sei keine Arbeitsvoraussetzung, die von der GeschĂ€ftsleitung gefordert wird, somit können sich die AuslĂ€nder ruhig weiter in ihrer Sprache unterhalten, wird als BegrĂŒndung angegeben. Also doch keine Win-Win-Situation?

:: Alle mĂŒssen gleich behandelt werden ::

Wenn die GeschĂ€ftsfĂŒhrung zufrieden ist, ein Teil der Mitarbeiter jedoch unzufrieden, kann das Unternehmen in der Gesamtheit nicht funktionieren. In dieser Situation ist es ein Lichtblick, dass alle gleich behandelt werden und die AuslĂ€nder nicht als billigere ArbeitskrĂ€fte dem deutschen Personal die Arbeit wegnehmen. Also: Arbeit ist genug fĂŒr alle da.

 



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