30. November 2016  00:00

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Suizidprävention

„Oft reicht es schon, wenn man zuhört“

Suizid gehört zu den häufigsten Todesursachen bei Jugendlichen. Bei der Online-Beratungsstelle U25 können gefährdete Kinder und Jugendliche deshalb Hilfe suchen. Lina ist eine der ehrenamtlichen Beraterinnen – neben ihrem Studentenalltag rettet sie Leben.

Von Lara Böckmann

„Wenn es den Klienten besser geht und sie meine Hilfe nicht mehr brauchen, das sind natürlich die schönsten Momente“, sagt die junge dunkelhaarige Frau, nippt an ihrem Kaffee und lächelt. Nein, die 23-jährige Gelsenkirchenerin ist keine Psychologin, sondern Studentin. Erziehungswissenschaft immerhin, doch darauf kommt es ihren Klienten nicht an. Die sind nämlich selbst noch Kinder oder Jugendliche und brauchen vor allem eins – jemanden, der ihnen zuhört.

Neben ihrem Studium ist Lina ehrenamtliche Beraterin bei der U25 Gelsenkirchen – eine Online-Beratung für junge Menschen unter 25 Jahren, die mit Suizidgedanken oder anderen Krisen zu kämpfen haben. Das Besondere an dem Projekt: Hier antworten eben keine Psychologen oder Sozialarbeiter auf die E-Mails, sondern ganz normale Jugendliche, die von den Projektleitern Vivien Lowin und Niko Brockerhoff zu Beratern ausgebildet wurden. Die Berater und auch die Klienten bleiben dabei anonym, deshalb darf Linas Nachname auch nicht genannt werden. „Meine Klienten haben immer positiv auf mich reagiert“, erzählt sie. „Wenn sie sich Hilfe suchen, wollen sie meistens auch Hilfe und oft reicht es dann schon, wenn man ihnen einfach zuhört.“ Klienten, so bezeichnen die Berater bei U25 die Hilfesuchenden, von denen sie E-Mails erhalten. Viele der ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind wie Lina Studierende oder noch in der Schule. Lina ist auch in ihrem Freundeskreis diejenige, die für die Probleme anderer immer ein offenes Ohr hat.

:: Das Ehrenamt passt zu ihrem Studium ::

Seit zwei Jahren ist die 23-Jährige inzwischen schon Beraterin bei U25. Sie machte damals ein Praktikum bei der Caritas und wurde so auf das Projekt aufmerksam. Falls einer der Berater über einen Klienten sprechen möchte, kann er sich bei regelmäßigen Treffen mit dem Rest der Gruppe austauschen. Von den traurigen Themen lässt Lina sich allerdings nicht allzu sehr belasten. Die Arbeit nicht mit nach hause zu nehmen, das lernt sie in ihrem Studium. „Später im Job muss ich das auch können“, sagt sie gelassen. Noch ein Jahr, dann hat Lina ihren Master abgeschlossen. Sie plant, sich eine Stelle als Erziehungsberaterin zu suchen – am liebsten im Ruhrgebiet, wo sie aufgewachsen ist und wo auch ihre Familie lebt.

Ihre Familie war es auch, die die Jugendliche darauf brachte, etwas Soziales zu studieren. Früher hätte die Gelsenkirchenerin nicht daran gedacht. „Während der Schulzeit wollte ich eigentlich immer etwas mit Naturwissenschaften machen“, erinnert sie sich. Aber als sie 14 war bekamen ihre Pläne langsam eine andere Richtung. Zu Linas vierköpfiger Familie kam damals ein weiterer Kopf dazu: Ihre Eltern nahmen eine 10-jährige Pflegetochter auf. Etwas später kam noch ein jüngerer Pflegebruder dazu. „Am Anfang war es natürlich irgendwie ungewohnt, aber inzwischen verstehen wir uns gut“, erzählt Lina. „Meine Mutter arbeitet im sozialen Bereich. Durch diese Situation damals habe ich selbst auch meine Persönlichkeit weiterentwickelt und war mir dann sicher, dass ich auch etwas Soziales machen will.“

:: Es bleibt noch Zeit fĂĽr Hobbys ::

Die Entscheidung hat die 23-Jährige nicht bereut. „Menschen helfen zu können ist einfach immer eine unglaubliche Erfahrung“, findet sie. Bei U25 können auch Jugendliche diese Erfahrung machen, die sonst nicht im sozialen Bereich tätig sind. Die Berater bleiben mit ihren Klienten nie auf sich allein gestellt, die Gruppenleiter stehen immer als Ansprechpartner zur Verfügung. „Der Vorteil ist auch, dass alles online läuft und man die E-Mails von zuhause aus beantworten kann“, erklärt Lina. Der Zeitaufwand ist also relativ gering, je nachdem wie viele Klienten man betreut. Für Studium, Hobbys und Freunde bleibt noch genug Zeit. Ob sie einen neuen Klienten annehmen möchten, bleibt den Ehrenamtlichen selbst überlassen. Der Kontakt zu den Betroffenen ist immer unterschiedlich: Zu manchen entsteht über Jahre lang ein E-Mail Austausch, andere schreiben nur eine Nachricht und melden sich dann nicht mehr. Genauso unterschiedlich sind auch die Motive der Betroffenen. Aber eins haben sie gemeinsam: Sie brauchen Hilfe.

Die ehrenamtliche Arbeit möchte Lina auf jeden Fall noch länger beibehalten. U25, das heißt zwar, dass auch die Berater nicht älter als 25 sein sollen aber ganz so eng sieht das dann zum Glück doch niemand.



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