09. November 2016  00:00

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FlĂĽchtlingshelferin

Auf der Suche nach der Zukunft

Karten und Kurse - die Journalismus-Studentin Hatice Kahraman bringt FlĂĽchtlingen ein Studium nahe.

Von Jascha Winking

„Als erstes müssen zwei Karten mit der gleichen Zahl gelegt werden“, sagt Hatice Kahraman ruhig. Es ist schon dunkel draußen, das künstliche Licht der Laternen wirft Schatten. Ein typischer Herbstabend, halb sechs. Die Bäume hinter dem großen Fenster haben längst die bunten Blätter fallen lassen, der Wind fegt sie umher. Kahraman, die ruhig auf ihrem Stuhl sitzt, wirkt, als wolle sie in den Karten die Zukunft lesen; und gewissermaßen geht es genau darum: Zukunft. Die 22-Jährige arbeitet ehrenamtlich im Sprachcafé der Westfälischen Hochschule. Es vereint Studenten-Akquise mit Ehrenamt. So negativ sich ersteres anhört, es schmälert trotzdem nicht letzteres. Denn die Flüchtlinge sollen hier eine Hochschule kennenlernen, die für sie Zukunft sein könnte.

Um die Zukunft verstehen zu können, muss aus der Vergangenheit gelernt und die Gegenwart gelebt werden. Kahramans ganz persönliche Gegenwart ist das fünfte Semester Journalismus – und in gewisser Weise auch die Flüchtlinge. Als die Syrer und Iraker, die an diesem kalten Herbsttag ins Sprachcafé gekommen sind, noch keine Flüchtlinge waren, stand Kahraman nicht in deren Leben. Erst die Vergangenheit und die Gegenwart haben beide zusammengeführt; an der Zukunft arbeiten sie nun alle zusammen.

:: Vorurteile kennen beide ::

Über ihre Motivation sagt die junge Dortmunderin, sie habe Menschen in Not helfen wollen. „Es zählt nicht, dass die andere Person eine Fluchtgeschichte hat, es zählt nur, dass wir hier gemeinsam sitzen.“ Dass die Studentin, deren Eltern ursprünglich aus Zentral-Anatolien stammen, wegen ihrer türkischen Wurzeln besseren Zugang zu den Geflüchteten findet, glaubt sie nicht. „Aber“, sagt sie, „ich hatte auch immer mit Vorurteilen zu kämpfen. Deswegen kann ich mich gut in die Flüchtlinge hineinversetzen“. Ständig muss sie mit Ressentiments leben. Eine junge Frau mit Kopftuch, die im Journalismus arbeitet. Die für einen Spiegel-Ableger schreibt und auf ihrem Blog und auf Twitter ihre Meinung sagt. Trotzdem scheinen manche noch immer überrascht zu sein, dass sie den Unterschied zwischen „seit“ und „seid“ kennt.

:: Sprache als SchlĂĽssel ::

Es ist mittlerweile viertel vor sechs, Kahraman hat eine ganze Reihe von Karten vor sich liegen. Eigentlich redet die Dortmunderin viel, ständig erzählt sie, was ihr durch den Kopf geht. Gerade aber schweigt sie, lässt den Blick durch das Café kreisen. Ungefähr zehn Flüchtlinge sind heute Abend hier. Einige von ihnen haben bereits in der Heimat studiert, andere wollten es zumindest.

Kahraman hat einen durchdringenden Blick, eine eindringliche, aber sanfte Stimme. Sie beschreibt die Notwendigkeit des Cafés mit dem Verweis auf die Sprache: „Sie ist das Allererste, das du in einem Land lernst. Und das Wichtigste.“ Die meisten der anwesenden Flüchtlinge sprechen mittlerweile gut Deutsch. Eine nicht zu unterschätzende Leistung; denn die arabische hat mit der deutschen Sprache so viel gemein wie der kalte, ungemütliche Herbst vor der Tür mit der warmen, behüteten Atmosphäre im Sprachcafé.

Kahraman mischt jetzt die Karten der Flüchtlinge neu. Ein symbolischeres Bild ist wohl kaum zu finden. Die Studentin wirkt in dem schummrigen Licht – wie sie so die Karten blitzschnell in der Hand verteilt und betrachtet – noch immer ein wenig wie eine Hellseherin. Das aber ist sie nicht: Schon seit einer Stunde spielt sie mit den Flüchtlingen einfach nur ein Kartenspiel.



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