11. Januar 2011  17:56

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Kampfherrchen

Wie gefÀhrlich sind Kampfhunde?

Der verhasste Freund des Menschen: Sogenannte Listenhunde haben einen schlechten Ruf. Im Tierheim Gelsenkirchen zeigt sich jedoch, dass bald Hunde ohne Auflagen zu einem grĂ¶ĂŸeren Problem werden könnten. Wieviel Sinn macht die aktuelle Gesetzgebung wirklich?

Von Nicolai KĂŒhling

OhrenbetÀubendes Gebell. Es hallt von den im Schlachthausstil gefliesten WÀnden wider und schneidet dem Tierpfleger Thorsten Wiese das Wort ab. Dieser geht in dem schmalen Gang vor dem Zwinger in die Hocke und streckt seine Finger durch das Metallgitter.

Plötzlich ist der schwarz-braune American Stafford ganz ruhig, wedelt mit dem Schwanz und schmiegt sich ans Gitter. Es ist, als ob der Tierheimmitarbeiter an einem Regler gedreht hĂ€tte – von „Kampfhund-Modus“ runter auf „ganz normaler Hund“.

:: Schlechte Erfahrungen mit MĂ€nnern ::

„Jetzt nehmen Sie mal meine Position ein“, fordert Wiese den buerpott-Reporter auf und tritt zurĂŒck. Dieser beugt sich hinunter und fixiert den Hund. Ohne Vorwarnung schnappt der Regler in Ausgangsposition, darĂŒber hinaus – nicht auf „Kampfhund“, sondern auf Kampf.

Man muss sich zusammenreißen, um nicht instinktiv zurĂŒckzuweichen: Lenny, die Inkarnation des bösen Hundes auf den Boulevardtiteln, wĂŒrde ohne das stabile Stahlgitter Panik auslösen.

„Der Hund hat in seiner Familie hĂ€usliche Gewalt gegen Frau und Kinder erlebt, vielleicht auch gegen sich selbst", erklĂ€rt Wiese. "Daher hat er vor Allem mit MĂ€nnern ein Problem. Aber ich bin seine Bezugsperson." Der gemĂŒtliche Mann muss schreien, um das Gebell aus den Parzellen zu ĂŒbertönen.

:: Christian Hackl, Hundepsychologe ::

"Wenn der Hund ganz schlechte Erfahrungen in der Welpenzeit gemacht hat, kann ich eigentlich immer nur Schadensbegrenzung betreiben“, erklĂ€rt Christian Hackl zum Verhalten solcher Tiere. Der junge Hundetrainer, dem man seine sĂŒddeutsche Herkunft anhört, ist GrĂŒnder und Inhaber der Hundeschule DHK in Krefeld und SachverstĂ€ndiger nach dem Landeshundegesetz (LHundG NRW).

Dieses schreibt seit 10 Jahren Maulkorb- und Leinenpflicht, Wesenstest und SachkundprĂŒfung fĂŒr Halter vor. Vor allem vier Rassen sind hiervon betroffen: Pittbull Terrier, American Staffordshire Terrier, Staffordshire Bullterrier und Bullterrier sowie sĂ€mtliche Kreuzungen.

:: AgressivitÀt ist nicht durch Vererbung bestimmt ::

Hackls Handy klingelt: „Who let the dogs out?“. Keine Überraschung: Der ausgebildete Tierpsychologe und Verhaltenstherapeut geht in seinem Job auf. Nach dem GesprĂ€ch erlĂ€utert er weiter. "Aggressionen sind eigentlich immer therapierbar", sagt Hackl. "Es kommt kein Hund aggressiv auf die Welt." Dies sei eine Tatsache.

Im Tierschutzverein fĂŒr Gelsenkirchen und Umgebung e. V. 1880, wie das Tierheim offiziell heißt, fĂŒhrt der Hundeexperte heute Wesenstests mit Tierheimhunden durch, ehrenamtlich versteht sich. Sie sind hier nicht nur fĂŒr Listenhunde obligatorisch.

FĂŒr die gesetzlich vorgeschriebenen Wesenstests der sogenannten Kampfhunde trainiert Hackl sie. DurchgefĂŒhrt werden die Tests dann vom Ordnungsamt mit UnterstĂŒtzung des VeterinĂ€ramts. Hier wollte niemand eine EinschĂ€tzung zur GefĂ€hlichkeit der Tiere Ă€ußern.

:: "Dieser Hund ist mit Narben ĂŒbersĂ€t" ::

Durch das Training der Tierheimhunde kommt Hackl auch mit absichtlich scharf gemachten Listenhunden in Kontakt. "Es ist selten, aber es kommt vor. Gerade hier im Tierheim erlebt man das eine oder andere Mal, dass ein Hund absichtlich scharf gemacht wurde", berichtet er.

"Ich habe einen Kunden mit einem Staff (liebevolle AbkĂŒrzung fĂŒr Stafford, Anm. d. Red.), der auf Beute getrimmt und mit den ZĂ€hnen am Baum aufgehĂ€ngt wurde. Dieser Hund ist mit Narben ĂŒbersĂ€t."

:: Kangale: brandgefÀhrlich, aber nicht gelistet ::

Wiese fĂŒhrt den buerpott-Redakteur von Lennys Zwinger weiter zu den außen liegenden Unterbringungen. "Das sind Kangale, tĂŒrkische Herdenschutzhunde", sagt er und deutet auf eine lange Reihe ĂŒberdachter KĂ€fige. "Sie haben noch sehr urtypische Gene."

Kangale seien gegenĂŒber Bezugspersonen „ein Traum“, aber vor allem in ihrem Revier gegenĂŒber Fremden extrem skeptisch und gefĂ€hrlich.

„Wir hatten einen Beißvorfall, der mit weniger GlĂŒck auch tödlich hĂ€tte enden können", berichtet Wiese ernst. "Eine Frau hockte vor einem Zwinger und der Hund hat ihr den ganzen Oberarm weggerissen."

Wenn Kangale auf den Hinterpfoten stehen sind sie ĂŒbermannshoch. Einer von ihnen ist so aggressiv, dass er immer wieder mit Anlauf gegen das Gitter springt, als wir den Zwinger passieren.

In Afghanistan werden die gegenĂŒber Artgenossen eigentlich friedlichen Tiere fĂŒr den Hundekampf scharf gemacht. Doch die Hunde mit dem dicken flauschigen Fell und der schwarzen Maske um Schnauze und Augen sehen eher aus wie gemĂŒtliche SchmusebĂ€ren. Vielleicht deshalb gibt es fĂŒr die riesigen Tiere in Nordrhein-Westfalen keinerlei Auflagen. Gerade solche Unstimmigkeiten machen das Landeshundegesetz zu einem Konfliktthema.

:: Heike Bihsa besitzt einen "Kampfhund" ::

"Die Liste ist fĂŒr mich Quatsch. Der Staff geht weg, der Pitbull geht weg und wir haben die nĂ€chsten Hunde hier." Heike Bihsa packt seit zehn Jahren ehrenamtlich im Gelsenkirchener Tierheim mit an und ist inzwischen fĂŒr die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. Außerdem trainiert sie Welpen in der Hundeschule.

Die blonde Frau mit den Dolce & Gabbana-Ohrringen zĂŒndet sich gerade eine Zigarette an. Sie sieht eher wie eine Pudelbesitzerin aus, doch tatsĂ€chlich hat sie einen Deutschen SchĂ€ferhund und einen American Staffordshire Terrier. Beide kommen aus dem Tierheim, in dessen Cafeteria wir uns unterhalten.

:: "Andere Hunde kann man genauso böse machen" ::

"Die nÀchste Rasse steht doch schon hinten an", fÀhrt sie fort. "Der Kangal und auch 'Wolfsmischlinge' werden jetzt sehr gerne genommen. Die kann ich genauso böse machen." Beim Sprechen gestikuliert sie energisch, das Thema ist ihr wichtig.

Die Falschbewertung der sogenannten Kampfhunde durch die Öffentlichkeit und die Gesetzgebung hat laut Bihsa traurige Konsequenzen. "Leider sind bei den Anlagehunden sehr hĂ€ufig beschlagnahmte Hunde dabei, weil die Auflagen nicht erfĂŒllt werden", erklĂ€rt sie.

Zu diesen Auflagen gehören Tests, zum Beispiel, damit der Hund ohne Maulkorb ausgefĂŒhrt weden darf. Diese Test erfordern oft ein kostspieliges Training. "Von den Anlagehunden wurden in den letzten Monaten nur wenige vermittelt." Sie fĂ€nden deutlich seltener wieder ein richtiges Zuhause.

:: Kampfhund und Dackel teilen sich das BĂŒro ::

Bei ihrer TierheimfĂŒhrung erreichen der Tiepfleger Wiese und der buerpott-Redakteur das BĂŒro am Eingang. Hier soll Rocky das Klischee vom "bösen Kampfhund" brechen.

Als er seinen Namen hört springt der beige Hund von seinem Platz auf, wo er bis eben neben einem kleinen Dackel gedöst hat, und lĂ€uft auf den Besucher zu. Er freut sich, holt aufgeregt einen roten Gummiball aus einer Kiste, kommt wieder zurĂŒck, leckt ungestĂŒm Wieses Hand, dann die des Reporters. Auch Rocky sieht gefĂ€hrlich aus. Doch er lĂ€sst spĂŒren, dass er es nicht ist.

:: Der Gesetzgeber ist ĂŒberzeugt von der Liste ::

Die Gesetzgebung ist trotz aller Kritik nach wie vor ĂŒberzeugt vom Listenprinzip. Im Bericht zur Evaluation des Landeshundegesetzes von 2008 Ă€ußert der Ausschuss fĂŒr Umwelt, Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landtags NRW, „dass sich die gesetzliche Reglung im Grundsatz bewĂ€hrt" habe.

Laut Bericht unterstreiche „vor allem die Landesseniorenvertretung Nordrhein-Westfalen in Anbetracht schwerwiegender VorfĂ€lle, bei denen Menschen (unabhĂ€ngig von ihrem Lebensalter) verletzt wurden, die Notwendigkeit einer gesetzlichen Regelung.“ Auch andere SachverstĂ€ndige hoben hervor, dass mit diesem Gesetz grundsĂ€tzlich ein richtiger Weg beschritten worden sei.

Christian Hackl und Heike Bihsa jedoch stimmen damit nur insofern ĂŒberein, dass beide eine Reglementierung des Bereichs befĂŒrworten.

"Das Landeshundegesetz hat auf jeden Fall etwas gebracht", sagt Hackl. Aber er zweifelt das Prinzip an, das bei den Hunden ansetzt, noch dazu nur bei bestimmten Rassen. "Ich denke, es sollte ein Gesetz geben, das fĂŒr alle Hunderassen gilt. Einen allgemeinen HundefĂŒhrerschein fĂ€nde ich eigentlich gar nicht schlecht."

Auch Bihsa meint: "Der Mensch ist der Knackpunkt. Ich stelle mir eine Lösung so vor: einen HundefĂŒhrerschein fĂŒr jeden Halter, dem Menschen kompetente Hilfe durch eine Welpen- oder Hundeschule nahe legen und – wenn ĂŒberhaupt – ein Wesenstest nach einem Jahr fĂŒr alle Hunde."



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buertv ĂŒber das Tierheim in Gelsenkirchen-Erle.

In dieser Zwingerreihe sind etliche der großen Kangale untergebracht.

Heike Bihsa arbeitet ehrenamtlich im Tierheim, hat einen American Staffordshire Terrier und trainiert Welpen in der Hundeschule.

Kangale, tĂŒrkische Herdenschutzhunde, sehen aus wie SchmusebĂ€ren.

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